"Ihr könnt Leben retten...!"

Mehr als einmal hören wir diesen Satz von Dani Hornsteiner, der Einsatz- und Ausbildungsleiterin der Bergwacht Krün, und sie fährt fort: "Bis wir von der Bergwacht kommen, ist es oft zu spät. Wir bergen Tote!" Diese drastische Aussage hinterlässt Eindruck. Dani, die uns 2 Tage lang in Outdoor 1. Hilfe für Mountainbiker unterrichtet, nimmt uns aber den Druck sehr schnell, indem sie uns handlungsfähig macht und uns dazu ermutigt, in Notfällen überlegt und beherzt zu helfen.

Outdoor 1. Hilfe für Mountainbiker der DIMB mit Dani Hornsteiner

Szenario 1

 

Ich hänge im Hang, auf dem Bauch liegend, gefangen von meinem Rad, das auf meinem Rücken gelandet ist. Mein Handgelenk schmerzt. Ich kann mich nicht aufstützen, um mich aus der misslichen Lage zu befreien. Ich rufe um Hilfe - es dauert eine Weile, bis unser Guide endlich kommt und das Rad wegnimmt.

Dann checkt er mich erst mal durch - von der Locke bis zur Socke - und stellt fest, dass mir außer dem verletzten Handgelenk wirklich nichts fehlt. Erst dann hilft er mir, aufzustehen und auf den Weg zurück zu gelangen.


Szenario 2

Ich guide zusammen mit Wolfi eine relativ große Gruppe. Am Ende des Trails angekommen fehlen zwei Teilnehmer. Wolfi fährt zurück und ruft mich schon bald um Hilfe. Der Schreck fährt mir in die Glieder, als ich zum Unfallort komme. Zwei Verletzte - Peter hängt 2 m weiter unten im Hang, ein kleiner Absatz und freiliegende Wurzeln haben ihn vor dem Abrutschen bewahrt. Er rührt sich nicht.

 

Roxy liegt ein paar Meter weiter und jammert und schreit vor Schmerzen.

 

Wolfi kümmert sich zunächst um Peter, ich sehe nach Roxy. Der Bodycheck zeigt: Schlüsselbeinbruch und ein verletztes Knie. Ich mache ihr aus Buff und einer Jacke einen Rucksackverband, packe sie in den Biwaksack ein, schicke einen Teilnehmer zu ihr und schaue, was bei Wolfi los ist.

 

Peter liegt immer immer noch mit dem Kopf nach unten im Hang, er spürt seine Beine nicht mehr. Der Notruf ist bereits abgesetzt, doch es wird ein bisschen dauern, bis die Bergrettung da ist. Drum müssen wir Peter umlagern - so kann er nicht liegen blieben. Wir richten im ein "Bett" und heben ihn zu viert in 20 cm Schritten darauf. Bei dem schwierigen Gelände brauchen wir dafür 15 Minuten, für Peter ein Ewigkeit...


Szenario 3

Wir radeln auf einem Forstweg, als Flo plötzlich schwer zu atmen beginnt. Sein Zustand verschlechtert sich rasend schnell, er hat Atemnot, kann nicht mehr sprechen, zeigt immer wieder hektisch und angsterfüllt auf seinen Rucksack.

Nach einigem Suchen finden wir dort einen stiftförmigen Gegenstand, der nach einem Medikament aussieht. Flo nickt - wir scheinen gefunden zu haben, was er braucht, doch wir wissen nicht, was damit zu tun ist. Wir setzen einen Notruf ab und fragen, was wir tun können.

Die Bergwacht instruiert uns, die Kappe des Stiftes abzunehmen, Flo den Stift in den Oberschenkel zu rammen und dort 10 sec zu halten.

Wir tun wie geheißen und relativ schnell wird Flo ruhiger. Nun heißt es, bei ihm zu sein und auf die Bergrettung zu warten. Weiterfahren kann er heute nicht mehr.


Dies sind nur drei Beispiele für die Art von Fällen, die wir bei Dani 2 Tage lang durchspielen. Nachdem wir am ersten Tag morgens ein paar Verbände geübt und den 1. Hilfe Algorithmus erarbeitet und verinnerlicht haben, versuchen wir die Theorie in die Praxis umzusetzen. Wir merken sehr schnell, wie schwer es ist, im Notfall Ruhe zu bewahren und genau dem Algorithmus, der wirklich immer und überall funktioniert, zu folgen. In manchen Situationen stellen wir ihn plötzlich in Frage, denn die Prioritäten, die im Schulungsraum ganz logisch hergeleitet wurden, scheinen nun doch nicht mehr zu gelten. Am schwersten scheint der Anfang: einen Schritt zurücktreten und Übersicht bekommen, d.h. 10 Sekunden nachdenken, um später 10 Minuten zu sparen. Der Schritt zurück gelingt nur schwer, aber einmal gemacht ist seine Notwendigkeit offensichtlich.

Für den Rest des Kurses sind wir vorwiegend im Gelände. Dani macht uns Mut zu handeln. Sie macht Vorschläge, wie wir mit den Situationen umgehen können und nimmt uns in vielen Fällen (z. B. Wirbelsäulenschaden) die Angst, etwas noch mehr zu verletzen, in dem wir Hand anlegen. Sie weist aber auch immer wieder darauf hin, dass Selbstschutz das oberste Gebot ist und dass mancher Verunfallte von uns nicht geborgen oder behandelt werden kann. Sie zeigt uns die Grenzen der 1. Hilfe, betont aber immer wieder, dass WIR Leben retten können.

Dani ist nicht nur eine hervorragende Ausbilderin, sie ist auch eine große Mutmacherin!

Am Ende des Kurses, den ich im Rahmen meiner DIMB Ausbildung zum lizensierten MTB Guide mache,  fühlen wir uns alle merklich sicherer im Umgang mit Notfällen und sind bereit, mutig, beherzt und mit halbwegs kühlem Kopf zu helfen. Nichtdestotrotz hoffe wir, dass das Wissen und die erworbenen Fähigkeiten niemals zum Einsatz kommen müssen.

Das Fotomaterial für diesen Beitrag stammt von Roxy von Roxybike MallorcaDani Hornsteiner und mir. Vielen Dank dafür!

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